Politische Gründe für das forschende Lernen

Viele europäische Staaten sehen sich dem Problem gegenüber, dass die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler kein oder nur ein geringes Interesse an Mathematik und den Naturwissenschaften entwickeln. Folglich entscheiden sich diese Schülerinnen und Schüler gegen das Einschlagen einer entsprechenden Karriere. Der Bedarf des europäischen Arbeitsmarktes an in diesen Bereichen ausgebildeten Fachkräften kann somit nicht gedeckt werden, was letztlich die Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union gefährdet.

Die Einführung innovativer Lehrstrategien, zu denen unter anderem das forschende  und entdeckende Lernen gehört, ist ein Ansatz, der darauf abzielt, diese Situation zu verändern. Ziel ist es, die Motivation und das Interesse von Schülerinnen und Schülern an den naturwissenschaftlichen Fächern sowie an der Mathematik zu wecken und zu steigern.

Zwar wird das forschende und entdeckende Lernen von der Bildungspolitik bereits teilweise unterstützt, jedoch reflektiert dies nicht die alltägliche Unterrichtspraxis. Tatsächlich gibt es eindeutige Anzeichen dafür, dass forschendes Unterrichten und Lernen in der Unterrichtspraxis der an PRIMAS beteiligten Partnerstaaten nicht weit verbreitet beziehungsweise nur unzureichend implementiert ist. Dies macht deutlich, dass Lehrer bei der Einführung von forschendem Lehren in ihren Unterricht noch Unterstützung brauchen.

 

Gründe für die Differenz zwischen Curriculum und Schulalltag

Die im Folgenden genannten Gründe geben Aufschluss darüber, warum die in den Curricula geforderten Maßnahmen im Schulalltag bislang nur unzureichend umgesetzt werden. Hierbei ist anzumerken, dass die aufgeführten Gründe stark kontextabhängig sind und von kulturellen Hintergründen  beeinflusst werden, was die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Partnerländern erklärt:

  • Mängel in der Lehrerausbildung in Bezug auf forschendes Lernen; beispielsweise wird forschendes Lernen häufig zwar theoretisch vermittelt, aber in praktischen Teilen der Ausbildung nicht ausreichend geübt;
  • Mangel an Zeit, da die in den Curricula beschriebenen zu vermittelnde Inhalte primär behandelt werden müssen;
  • Überladene Curricula durch hohes Prüfungsniveau;
  • Bewertungssysteme, welche die tatsächlichen Fähigkeiten, Kompetenzen und Eigenschaften der Schüler, die durch forschendes Lernen gestärkt werden, nicht widerspiegeln;
  • Lehrwerke und andere Unterrichtsmaterialien, die forschendes Lernen nicht unterstützen sowie der formelhafte Einsatz („Untersuchungen nach Rezeptbuch“) solcher Materialien;
  • Länderspezifischer Mangel an Anreizen, die es für Lehrkräfte attraktiver machen, an Fortbildungen teilzunehmen;
  • Äußere Widerstände von unterschiedlichsten Beteiligten und Institutionen, da forschendes und entdeckendes Lernen häufig noch fremd ist und die unterschiedlichen Anforderungen an Lernende nicht erkannt werden.

 

Wie kann diese Differenz überwunden werden?

Um eine Annäherung zwischen den in Curricula formulierten Anforderungen und dem Schulalltag zu erreichen, ist eine Kooperation zwischen Pädagogen und Politikern auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene notwendig. Folgende Ziele müssen langfristig angestrebt werden:

  1. Prüfungen sollten forschendes Lernen einschließen, was bedeutet, dass Prüfungen in den Prozess des forschenden Lernens integriert werden oder zumindest einzelne Elemente in die jeweilige Prüfungssituation integriert werden sollten.
  2. In Schulcurricula sollte mehr Zeit für forschendes Lernen eingeplant werden, da forschendes Lernen bei sorgfältigem Einsatz zeitintensiv ist. Schülerinnen und Schüler benötigen ausreichend Zeit, um eigene Fragen und Projekte zu generieren.
  3. Curricula müssen einen gewissen Spielraum lassen, den die Lehrkraft flexibel nutzen kann. Nur so kann „Naturwissenschaft für alle“ verbreitet und ein möglichst großes Spektrum akademischer Wege offen gehalten werden.
  4. Adäquate Fortbildungsmodelle für forschendes Lernen werden benötigt.
  5. Forschendes Lernen sollte (stärker) in die Lehrerbildung (Studium und Fortbildungen) integriert werden.
  6. Es müssen Anreize für Lehrkräfte geschaffen werden, an Fortbildungsmaßnahmen teilzunehmen.